20. Sep. 2017

Mitgliederrundschreiben Nr. 3


Liebe Mitglieder des Vereins „Bürgerpost Laupheim e.V.“,
liebe Freunde und Förderer,
liebe Leser aus dem Internet!

In diesem Jahr wird Baden-Württembergs jüngste Hochschule - die Universität Ulm - 50 Jahre alt. Viele wissen, dass sie sich in dieser Zeit seit 1967 einen hervorragenden Ruf über die Grenzen Deutschlands hinaus erworben hat; in der Tat gehört sie inzwischen zu den besten in Deutschland, international renommierte Forscher vor allem auf dem Gebiet der Medizin und Naturwissenschaften gingen und gehen aus ihr hervor.

Was aber wenige wissen: Sie geht zurück auf eine Initiative Ulmer Bürger, auf den „Arbeitskreis Universität“! In einer Pressemitteilung zum Jubiläumsjahr 2017 heißt es „Die Uni Ulm - von den Bürgern ertrotzt“!

Die Landesregierung äußerte sich in der Mitte der 1960er Jahre zunächst lobend über dieses „wunderbare bürgerschaftliche Engagement“ und sagte „alle mögliche Unterstützung“ zu. Doch bald (…die Sache kostete ja auch etwas!) bekamen die Zauderer und Zögerer, die Bedenkenträger und die, die schon immer „keine Experimente!“ gerufen hatten, die Oberhand. Das Projekt kam ins Stocken, drohte gar zu scheitern. Unvergessen bleibt der markige Spruch des damaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Kurt-Georg Kiesinger: „Eher wird ein Vierbeiner Ministerpräsident von Baden Württemberg als dass Ulm eine Universität bekommt.“ „Jetzt gerade!“, sagte der Arbeitskreis Universität und kämpfte mit Zähigkeit weiter – fast 5 Jahre lang. Er bekam immer mehr Zuspruch aus der Bevölkerung und aus der Welt der Wissenschaft in ganz Deutschland, so dass es schließlich gelang, die Uni zu gründen. Im wahrsten Sinn des Wortes war die Gründung „ertrotzt“ - gegen alle Hemmnisse und Widerstände der Besserwisser und Bedenkenträger.

Zur Gründungsfeierlichkeit musste der inzwischen zum Bundeskanzler avancierte oben genannte Herr Kiesinger mit säuerlicher Miene die Festrede halten. In seiner Begleitung war der neue Baden-Württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger und mit großem Beifall stellten die Gäste fest, dass er nur zwei Beine hatte. Aus dieser Vierbeiner-Geschichte machten die ersten Ulmer Studenten übrigens einen viel belachten Witz: Zur Wahl des Senats stellten sie als studentischen Kandidaten „Willi Wacker“ auf. Obwohl niemand Herrn Wacker kannte, erhielt er dank eines gut geführten Wahlkampfs seiner Unterstützer einige Hundert Stimmen. Nach der Wahl kam allerdings heraus, dass Willi Wacker ein Promenaden-Mischlings-Dackel war. Auf ihn entfallene Stimmen wurden durch den Wahlleiter „nach eingehender juristischer Prüfung“ für ungültig erklärt.

Wie uns das alles an die Bürgerpost in Laupheim erinnert!

Der „lobende und ermutigende Zuspruch“ unserer Regierung und die „volle Unterstützung“ und der „letter of intent“ sind im Internet, in der Schwäbischen Zeitung und auch in den Ausstellungsfenstern am Hotel Post nachzulesen. Liebe Laupheimer: Gerade in diesen Zeiten vor der Bundestagswahl und vor der anstehenden Oberbürgermeisterwahl lohnt es sich, auf einem Spaziergang durch Laupheim einmal an die Ausstellungsfenster zu treten und die Stellungnamen zu lesen!

Wir stehen mit unserem Projekt „Bürgerpost“ leider heute genau dort, wo der Ulmer Arbeitskreis Universität nach 4 Jahren stand: Die Bedenkenträger haben (vorübergehend!!!) die Oberhand!

Bevor wir auf die Bedenken zu sprechen kommen, wollen wir noch eine zweite Parallele ziehen: Sisiphus war ein engagierter Korinther Bürger mit vielen neuen Ideen und mit dem Anspruch, Dinge besser zu machen und voran zu bringen. Gewiss, er hatte ein paar schräge Ideen, so zum Beispiel den Tod zu fangen und zu fesseln und ihm damit Macht über die Menschen zu nehmen, aber Vieles, was er plante, zum Beispiel Wohnungsbau, war sehr vernünftig. Nun, er war wohl in seinen Projekten ein wenig keck und fürwitzig, ein bisschen „hälenga“ auch und damit irritierte er (um es vorsichtig zu sagen) die Götter (Bürgermeister? Stadträte?). Wir wissen doch, wo’s lang geht, sagten sie sich und nicht Herr Sisiphus! So beschlossen sie, ihn zu bestrafen. Wir alle wissen, wie die Strafe aussah, eben in der so genannten Sisiphus-Arbeit. Er musste einen schweren Stein einen Berg hinauf rollen und immer, wenn er den Stein oben hatte, rollte dieser wieder herunter. Tag um Tag, Monat um Monat, Jahr um Jahr!

Ja, liebe Leser, Sie haben es gemerkt: Der Stein ist das Projekt Bürgerpost und Sisiphus ist der Vorstand des Vereins „Bürgerpost Laupheim“. Wer die Götter sind, mag sich jeder denken. Wie geht die Geschichte um Sisiphus eigentlich aus? Nun, in der griechischen Mythologie gar nicht, er rollt wohl heute noch. Aber es gibt viele neuzeitliche Deutungen dieses altem Mythos‘, vor allem angeregt durch den französischen existenzialistischen Philosophen und Literatur-Nobelpreisträger Albert Camus (1913 – 1960): Für Camus befindet sich Sisiphus und damit der Mensch allgemein in einer absurden Situation. Das Absurde besteht in dem Spannungsverhältnis zwischen der Sinnwidrigkeit der Welt einerseits und der Sehnsucht des Menschen nach einem Sinn bzw. sinnvollem Handeln. Das „Außen“ ist absurd, das „Innen“ strebt nach Sinn. Die schönste Neu-Deutung stammt von dem österreichischen Schriftsteller Erich Fried (1921 – 1998): Er löst Camus‘ Absurdität dadurch auf, dass sich der Stein durch das dauernde Rollen verformt und dass er leichter wird. Und plötzlich ist er so leicht, dass er oben liegen bleibt. Also: Im Stein selbst, im Projekt selbst steckt die Lösung. Und so ist es mit der Bürgerpost! Das Projekt wir aus sich heraus so viel Triebkraft entwickeln, dass keine Götter es mehr aufhalten werden.

Aber zurück zu den Bedenkenträgern und damit zur Erklärung, warum wir mit dem Projekt Bürgerpost seit Monaten auf der Stelle treten:

  • Wir haben ein fast 100-seitiges Dossier erstellt und über den Oberbürgermeister an die Räte gegeben, welches alle Fakten (Konzept, Kosten, Geschäftsplan, Risikobewertung,…) enthält.
  • Nur schätzungsweise 10% der Entscheidungsträger (Gemeinderäte) haben es vollständig gelesen. Als Begründung hören wir hauptsächlich: „Der Oberbürgermeister hat es uns nicht vorgelegt“. Wir können das nicht prüfen, finden es aber sehr merkwürdig.
  • Wir erhielten Fragen und Anmerkungen, die im Sinne Camus‘ absurd sind, hier sind ein paar Beispiele:

    • „das kostet mindestens 9 Millionen“, - Aussage eines Ratsmitglieds, aus der Luft gegriffen ohne Kenntnis unseres o.g. Dossiers, nicht sinnbringend, aber jedenfalls verzögernd.
    • „was kostet die einzubauende Gastronomie-Küche? Legen Sie ein Angebot vor!“ Nicht sinnbringend aber jedenfalls verzögernd.: Was hat der Gemeinderat mit der von der Genossenschaft zu finanzierenden und vom Pächter zu mietenden Küche zu tun? Aber gut: Hier für die Neugierigen: Etwa 118.500 EUR.
    • „Legen Sie das für einen potentiellen Pächter privat und persönlich erstellte Wirtschaftlichkeitsgutachten vor“: Absurd, nicht sinnführend aber verzögernd.: Das Gutachten gehört uns nicht, wir verfügen nicht darüber! Aber gut: Hier für die Neugierigen: Es endet mit den Worten des Gutachters der DeHoGA: „Der gute Standort in Verbindung mit der Infrastruktur der neuen „Bürgerpost“ in Laupheim sowie des Konzeptes bieten langfristig gute Voraussetzungen, das Haus zu positionieren und über die Jahre weiterentwickeln zu können.“

Uns scheint es also so: Wir waren fürwitzig und keck und haben die Götter irritiert. Und da müssen wir jetzt eben noch ein wenig den Stein rollen! Das werden wir tun!

Die Geschichte der Uni Ulm und die Kraft die im Stein steckt, machen uns aber immer wieder Mut!

Wie geht es weiter? Die Stadt hat das zum Ensemble „Post“ gehörige Anwesen „Sparkasse/DRK“ erworben. Das eröffnet neue Möglichkeiten, die geprüft und überplant werden müssen. Nach wie vor gilt unser Ziel: „Von Bürgern – für Bürger“ …“Gegenstand des Unternehmens ist die Erhaltung des „Alte-Post-Areals“ in Laupheim, Ulmer Straße 2 und dessen Belebung, insbesondere durch Erwerb des Erbbaurechts, Sanierung, und anschließende Vermietung und Verpachtung, daraus resultierend die Attraktivität der Stadt Laupheim für Bürger und Besucher, die Förderung von kulturellen und sozialen Veranstaltungen als Begegnungsstätte für die heimische Bevölkerung..“ (Auszug aus der Satzung der Genossenschaft).

Im Oktober oder November werden wir zu unserer diesjährigen Mitgliederversammlung einladen. Da wird es Gelegenheit geben, alles zu besprechen und gemeinsam in die Zukunft zu blicken.
Der Stein wird oben liegen bleiben! Der neue Oberbürgermeister von Laupheim wird zwei Beine haben!